Geschichten aus dem Alltag


Wie war dass eigentlich nochmal, damals irgendwo im Nirgendwo, an der Kreuzung wo wir gerade rausgelassen wurden? In dem Land wo wir die Schrift nicht lesen und die Menschen nicht verstehen konnten. Darum soll es hier gehen!

Diese Kategorie soll jeweils einen einzelnen Tag oder eine einzelne Situation ausführlicher beschreiben, als es ein regulärer Blogartikel könnte.

Ein Versuch den Alltag zu beschreiben, der keiner ist.


Tag 425: Fuji

Japan, 22. September 2018

Ich schlafe mit Ohrenstöpsel. Die Nacht ist unruhig und laut, so direkt neben der Auffahrt zur Autobahnraststätte. Alle zwei Stunden wache ich kurz auf. Um 2 Uhr morgens fange ich völlig verwirrt an, mein Schlafsack einzupacken, im festen Glauben es sei bereits 7 Uhr und höchste Zeit zum aufstehen.

Erholsamer Schlaf geht anders. Um 5:30 Uhr wachen wir auf, schauen vorsichtig aus dem Zelt und tatsächlich gibt es bereits ein Stau auf der Auffahrt. Parkwächter weisen die kommenden Fahrzeuge ein, laufen und wuseln in typischer japanischer Art vor sich hin. Dass wenige Meter neben den Autos ein Zelt steht scheint sie nicht weiter zu stören.

Die letzten Tag lief es wirklich schlecht beim trampen, wir sind kaum vorwärts gekommen und steckten häufig mehrere Stunden auf irgendwelchen Raststätten fest. Einmal sind wir sogar gar nicht weitergekommen und haben, nach einem Tag warten, abends unser Zelt wieder aufgebaut. Dabei hat es bislang in Japan besser geklappt als in jedem anderen Land, vielleicht ist es nur die Region… oder eine Phase, hoffentlich klappt es heute besser.

Eine sich schnell lichtende Wolkendecke verdeckt noch den Himmel, die umliegenden Täler sind noch mit Morgennebel gefüllt, die Luft ist feucht wie nach einem Regen. Es wird ein schöner Tag werden. Wir frühstücken erst mal ausgiebig, es gibt ganz ordentliches Brot aus der Raststättenbäckerei, dann geht es los.

Trotz der schlechten Nacht wird es ein einfaches sein heute weiter zu kommen, gar keine Frage. Unser Ziel ist der 65 Kilometer entfernte Motosuko Lake, von dem aus wir uns eine tolle Aussicht auf den Mount Fuji versprechen. Die Sonne scheint, wir haben einen super Spot, direkt an der Ausfahrt der Raststätte wo sogar ein Lastwagen problemlos halten könnte ohne die Straße zu versperren und wir sind guter Dinge hier eh nur ein paar Minuten den Daumen raushalten zu müssen.

Eine Stunde später. Bilanz: viele freundliche Blicke, manche haben gewunken, ein Auto hat angehalten, welches aber in die falsche Richtung fährt. Die Sonne brennt inzwischen herunter. Wir zwängen uns zu zweit unter Johannas Regenschirm um wenigsten ein bisschen Schatten zu haben.
Einer der Tankwärter kommt vorbei. Er sieht unser Dilemma und hat offensichtlich Mitleid und schreibt uns eine andere Stadt auf unseren Pappkarton, vielleicht klappt es damit ja besser.

130 Minuten später. Ein Auto hält! Zwei Männer in einem alten und ziemlich voll gepackten Kombi. Sie fahren nur 30km bis in die nächste Stadt aber können uns mitnehmen. Klar, nur weg hier! Wir reden nicht soviel, mangels gemeinsamer Sprache. Beide sind Ende 40 und wollen den sagenumwoben Fuji mal aus der Nähe sehen.

Gegen Mittag kommen wir in Fujikawahuchiko an. Hier gibt es ein größeres Einkaufszentrum und wir staunen über die feinen, unbezahlbaren, Lebensmittel in einer Art Biosupermarkt. Für uns gibt es diesmal nur Soba-Nudeln (traditionell japanische Nudeln aus Buchweizen).

Direkt neben dem Einkaufszentrum führt die Schnellstraße 139 entlang, welche uns direkt zu den See bringen wird. Wir warten einige Zeit auf dem Parkplatz eines Konbini (24-Stunden Supermarkt), es fühlt sich wieder so zäh an wie vorhin. Frustration. Alle Autos die an uns vorbei fahren könnten uns mitnehmen, es gibt hier doch keine falsche Richtung. Abwarten – das passende Auto wird schon kommen.

Nach einer Weile kommt von der anderen Richtung ein Familien-Van vorbeigefahren, eine junge Frau steigt aus und teilt uns in perfektem Englisch mit, dass sie auch auf dem Weg zu dem See sind und uns mitnehmen könnten, sie haben sogar extra für uns gewendet. Sie hat längere Zeit in den USA gelebt und arbeitet jetzt mit ihrem Mann, der am Steuer sitzt, bei einer großen Baufirma in Tokio. Der 6 jährige Sohn sitzt neben uns auf der Rückbank. Sie werden das Wochenende am See campen um mal rauszukommen aus der großen Stadt.

Suicide Forest

Wir fahren durch einen dichten, dunkelgrünen Wald der sich gleichmäßig wie ein Tuch über die umliegenden Berge ausbreitet.
„It´s a suicide forest“ sagt die Beifahrerin beiläufig, „people come here to kill themself“.
Wie bitte? Wie sie anschließend ausführlich erklärt, ist dieser Wald mystisch. Genauer genommen nicht nur dieser Wald rechts und links der Straße sondern der Wald um den Fuji generell. Es gibt hier eine Störung im Magnetfeld, weshalb Kompasse nicht richtig funktionieren, sagt sie. Menschen verlieren ihre Orientierung in dem dichten Wald, sie verirren sich und manche von ihnen finden nie wieder heraus. Andere gehen ganz gezielt in den Wald, um nie wieder heraus zu kommen- sie begehen Selbstmord. In Japan sterben so jährlich sechs mal so viele Menschen wie durch Verkehrsunfälle. Die Mega-Metropole Tokio mit mehr als 37 Millionen Einwohner ist nur wenige Autostunden entfernt. Der Fuji und die Natur ringsherum sind ein beliebtes Ausflugsziel.
Die japanische Sprache kennt sogar Wörter für den Tod durch Arbeit – Karōshi oder Karōjisatsu. Hier in dem Wald treffen sich Freiwilligengruppe um gemeinsam nach Menschen im Wald zu suchen.

Mit einem unbehaglichen Gefühl schaue ich aus dem Autofenster auf die so friedlich vorbeiziehenden Bäume.

Wir kommen am Motosuke Lake an, der idyllisch im Schatten des wolkenverhangenen Fuji daliegt. Zahlreiche Familien haben sich bereits die besten Plätze auf dem Campingplatz gesichert, es wird gegrillt, Rauchschwaden hängen zwischen den Bäumen, Kinder toben im Wasser, einige versuchen sich mit Kajaks oder SUPs (Stand-up paddeling), andere nehmen die kleine Fähre, die aussieht wie ein U-Boot, über den See und genießen die ausgelassene Stimmung.

Auf der Suche nach einem geeigneten und kostenfreien Zeltplatz für die Nacht werden wir noch einmal um den kleinen See kutschiert, leider ohne Erfolg: Wir verabschieden und bedanken uns und wollen dem Familienwochenende nicht weiter im Weg stehen.

Wir fläzen uns in die Sonne, breiten alle Sachen, die noch vom Morgennebel feucht sind, aus, lesen und erkunden abwechselnd die Gegend. Im warmen Dämmerlicht mache ich noch unzählige Fotos von der Natur ringsherum.

Bei Einbruch der Dunkelheit bauen wir das Zelt an einem weniger gut besuchten Badestrand, direkt am Wasser auf. Ein paar Angler kommen spät Abends noch vorbei, aber lassen sich nicht weiter stören.

– Chris