Lieber Yukon …

Ich schreibe dir nun in meinem Abschiedsbrief ein paar Zeilen. 14 Tage paddelten wir nun auf deinen Wassern und du hast uns in der Zeit ganze 700 Kilometer weitergebracht. Dabei gab es so einige Hochs und Tiefs.
Voll gepackt mit jeweils zwei Seesäcken verabschiedeten wir uns von Anna und Ilja in Whitehorse und schnell hast du uns zum Lake Laberge getragen. Nach nur einem Tag kamen wir an dem 50km langen See an.
“Passt auf und bleibt in Ufernähe, auf diesem See ging schon so manches Boot verloren” sagte man uns nicht nur einmal. Und tatsächlich dauerte es drei lange Tage, anstatt einem, eh wir den See verlassen konnten. Allerlei Wetter verfolgte uns dort, Regenfronten vor und hinter uns und dazu immerzu drehender Wind.

Als wir dann endlich wieder von deiner Strömung erfasst wurden, waren wir umso glücklicher. Zwei sonnige Tage folgten, entlang abgebrannter Hügel und nordischen Wäldern auf grünem Wasser. Bis der Regen uns doch wieder einholte, aber diesmal umso heftiger. Abends waren wir nass bis auf die Unterhosen, morgens wieder rein in die kalte, nasse Kleidung. Sobald die Sonne hier nicht scheint ist es kalt. Richtig kalt. So hätte der Regen unserem Abenteuer fast ein baldiges Ende beschert, hätte der Wetterbericht in Carmacks nicht Besserung versprochen. Du, lieber Yukon, kannst ja gar nichts dafür, aber das Wetter war wirklich verbesserungswürdig.

Und die Besserung kam auch! Endlich konnten wir alles trocknen lassen – Isomatten, Schlafsäcke, Kleidung. Nach tagelangem Regen wird einfach alles feucht.

So manches Mal hast du mich aus meiner Komfortzone geschmissen… allein deine Geschwindigkeit reichte um mir Angst zu machen, ganz zu schweigen von den hohen Wellen als wir durch die einzigen, aber gewaltigen Five Finger Rapids geschickt wurden. Da schwappte schon mal eine Welle ins Boot, aber vom kentern hast du uns die ganze Zeit über verschont. Chris hätte es wahrscheinlich eher unter der Kategorie “gute Erfahrung” abgespeichert. Ich dagegen empfand dich oftmals eher als riesigen, schnell fließenden See, aber meine kleine Morla, so habe ich mein Boot getauft, transportierte mich die ganze Zeit über tapfer voran. Chris hat sein Boot nach der „Keno“ benannt, dem alten Dampfschiff das auf deinen Wassern unterwegs war.

Auch deine Bewohner haben wir kennengelernt. Hoffentlich haben sich die Elche und Biber nicht durch unsere Anwesenheit gestört, du musst nämlich wissen, da wo wir herkommen, sieht man mehr Zwei- als Vierbeiner.

Ach Yukon. Es war eine schöne Zeit, mit einigen Hochs und Tiefs, du hast uns so viele Gesichter gezeigt. Aber jetzt mischen wir uns wieder unter unsersgleichen. Mach es gut und pass auf dich auf, du hast ja noch einen langen Weg vor dir, bis du dein Ziel in der Bering See erreichst. Und schreib uns vielleicht eine Postkarte von dort!

Liebe Grüße

– Johanna und Chris